Brot und Spiele

Brot und Spiele

Im Fernsehen sind seit einiger Zeit Kochsendungen enorm in Mode. Aber Kochen alleine reicht schon längst nicht mehr aus. Den Leuten muss etwas geboten werden - Spiel, Spaß, Spannung! Das wollen uns zumindest die Sender glauben machen. Aber brauchen wir das wirklich?

In der Gründerzeit deutschen Fernsehschaffens stellte man einfach den Fernsehkoch einem Nachrichtensprecher gleich hinter einen Herd und ließ ihn plaudernd seine Gerichte kochen. Es fing mit Clemens Wilmenrod an und ging dann weiter über Max Inzinger ("ich habe da schon mal was vorbereitet") bis hin zu Vincent Klink und anderen. Das Format schien den Sender irgendwann nicht mehr auszureichen. Selbst ein Tim Mälzer konnte es mit Schmeckt nicht gibt's nicht nicht mehr rausreißen. ZAPP!!

Neue Formate mussten her. Lange Zeit war eine Sendung Kult, in der ein alternder Fernsehmoderator seinem Hobby (Kochen) frönt. Jede Woche kocht er mit Prominenten. Das dabei Verbrochene wird dann unter allerlei Mmmmh's, Aaah's und Oooh's verzehrt: alfredissimo!. Irgendwann gehen einem allerdings die ewig gleichen Sprüche (von wegen Pfeffer nur aus der Mühle, Parmesan nur frisch gerieben, und der deutsche Riesling ist ja so gut) dermaßen auf den Senkel, dass man etwas Neues braucht. ZAPP!!

Es gibt da die Kategorie der "Hilfsshows". Jungköche möbeln heruntergekommene Kaschemmen auf: Die Kochprofis - Einsatz am Herd. Andere junge wilde Köche versuchen Fast-Food-Fanatiker zum Selberkochen zu missionieren, was in unserer heutigen Zeit ungesunder Ernährung und zunehmender Verfettung sicher nicht die schlechteste Idee ist: Fast-Food-Duell. Mich wundert, dass es im deutschen Fernsehen nicht mehr "Entdeckersendungen" gibt. Das sind Sendungen, in denen ein Koch die Koch- und Küchenkultur anderer Länder entdeckt, so wie Sarah Wiener das mal mit Frankreich gemacht hat. Ist vermutlich zu wenig action. ZAPP!!

Andere Sendungen wiederum entstanden aus der Not heraus. Prominentestes Beispiel ist Kerner kocht. Diese Sendung ist entstanden, weil sich der eigentlich für die Talkshow vorgesehene George Clooney einen Bandscheibenvorfall zugezogen hatte und nicht kommen konnte. Kurzerhand wurden einige Fernsehköche ins Studio geschickt, um zusammen zu kochen. Die Idee war genial - am Anfang. Mittlerweile finde ich das Konzept etwas ausgelutscht. Das ZDF hat sogar begonnen, Zweigsendungen zu gründen: Mit Lafer!Lichter!Lecker! wurde für Horst Lichter und Johann Lafer ein separates Forum geschaffen, in dem sie ihren Frotzeleien freien Lauf lassen können. ZAPP!!

Aber auch das reicht heute nicht mehr aus. Der Zuschauer will mehr - zumindest glauben das die Sender. Die Inszenierung und die Show rücken mehr und mehr in den Vordergrund. Es wird nicht mehr miteinander sondern gegeneinander gekocht. Neben Brot gibt es nun auch Spiele.

Da konkurrieren Amateure um das perfekte Dinner. Als Belohnung dürfen sie dann unter Volldampf in der Profiküche ran. Als Variante bietet man weithin unbekannten oder längst der Gnade des Vergessenen-worden-seins anheim gefallenen C-Promis eine Publicity-Plattform: Das perfekte Promi-Dinner. ZAPP!!

In der Küchenschlacht kämpfen Amateur um den Einzug in den erlauchten Kreis von Kerner's Köchen. Und in der Kocharena schließlich kochen Amateure gegen Profis. Warum geben sich Leute wie Johann Lafer für so etwas her? Alles wegen der Kohle? Wahrscheinlich. ZAPP!!

Deutschland sucht den Superkoch

Und was bringt die Zukunft? Wir können nur spekulieren, was der nächste Einfall der TV-Strategen sein wird. Vielleicht gibt es bald "Deutschland sucht den Superkoch" (DsdSK). Darin kann dann Otto Normalverbraucher seine Kochkünste einer einschlägig besetzten Jury präsentieren. Neben Reiner Calmund muss natürlich Dieter Bohlen dazugehören. Denn das Publikum wird es mit höheren Einschaltquoten honorieren, wenn er die Kandidaten mit Sprüchen wie "Das hätte selbst Verona besser hingekriegt!" demontiert. ZAPP!!

Da lobe ich mir die Kochblogosphäre, in die ich vor Kurzem eingetreten bin: Man kann ganz entspannt seine Rezepte verbloggen und öfter mal bei einem Event mitmachen. Das ist genug Konkurrenz für mich. Brot ohne Spiele langt mir völlig. Kochsendungen brauche ich nicht mehr - außer vielleicht Silent Cooking. SWITCH OFF!!

Über die folgenden Beiträge bin ich bei meinen Recherchen gestolpert und möchte sie nicht vorenthalten:

Nachtrag 21.05.2008

Mittlerweile gibt es von Fressack einen weiteren sehr schönen Artikel zur Kocharena. In einem der Kommentare wird auf einen netten Artikel der schweizer Journalistin Michèle Roten verwiesen. Sehr lesenswert!

Gut gebrüllt, Löwe!

Wir wissen ja, dass da einer aus der Seele des anderen spricht, gelle?!

Hochachtung: Ich habe gar nicht jede dieser Sendungen angeschaut, du scheinst aber mutig recherchiert zu haben.

Wilmenrod war vor meiner Zeit (da gibt's nicht mehr Vieles ;-) ); die meisten Sendungen aus den Privaten kenne ich gar nicht oder habe nur mal kurz reingeschaut - dort am schrecklichsten finde ich "Das perfekte Dinner", fünf Nichtskönner, die ihre Wohnung und ihr Essen gegenseitig bewerten lassen, ein Format zwischen Voyeurismus und Dämpfkartoffeln. Grauenhaft! Zwei-, dreimal habe ich den Teaser zum Promi-Dinner gesehen, kannte aber keinen der Promis. Unter Volldampf? Kocharena? Öhm, sind an mir vorbei gegangen ...

Freitag hätte ich mich über Schuhbeck aufregen können bei Kerner. Da macht er eine Suppe, die ich - jetzt mal rein von den "Einzelteilen" her - als unterirdisch bezeichnen würde. Brotsuppe aus Gemüsefond, Croutons, Röstzwiebeln, alles separat zubereitet und dann in den Suppentassen vereint, und damit's was schmeckt, kamen schwarze Trüffel satt drauf. Hätte ich sowas in einem Restaurant geboten bekommen, ich hätte mich wohl zusammenreißen müssen, es nicht erst über den Tisch zu spucken, bevor ich es zurückgehen lasse.

Da haben wir das, was mich an den meisten dieser Art Sendungen so stört: Anstatt was Ordentliches zu kochen, wird auf irgendeine exklusive oder exotische Zutat gebaut, mit der man auch eine Tasse heißes Wasser aufwerten könnte. Gut wird die damit aber immer noch nicht, höchstens exklusiv. "Heißes Wasser an Trüffel". Fein.

Da sind die Blogger doch anders: Die kochen größtenteils ganz tolle Sachen, aber bodenständig von den Zutaten und alltagstauglich. Das ist doch viel eher die Kunst: Jeden Tag was Gutes auf den Tisch ohne eine plakatgroße Zutatenliste, mit höchstens einer Stunde Zubereitungszeit und ohne dass man einen Kleinkredit aufnehmen muss.

Rezeptinflation

Naja, bei den ganzen Sendungen, die es mittlerweile gibt, müssen sich die Köche natürlich auch immer neue Rezepte aus den Ärmeln schütteln. Das ist schon recht inflationär. Da besteht sicher die Gefahr, dass die Originalität nachlässt. Es ist eben nicht jeder Fernsehkoch ein kulinarischer Bach oder Mozart.

Ja ich brauche das

Ja ich brauche das Actionjacksoncooking auch nicht. Habe mir heuer noch keine einzige angesehen und werde es vermutlich auch nicht tun. I
ch erinnere mich an ein paar gute Jamie Oliver Sendungen vor Jahren.

Als Ideengeber hat bei mir der Fernseher schon herhalten müssen, wenn auch nur vom Namen her. :-)
http://www.tomatengruen.at/2007/04/25/jupidents-next-gemsemodel-mit-pole...

Klar, als Ideengeber taugen

Klar, als Ideengeber taugen manche Sendungen. Allerdings muss man sie sich dazu ja nicht anschauen - es reicht meistens, die Rezepte im WWW nachzulesen.

Pingback

[...] Mit grünem Spargel gefüllte Putenschnitzel Heute gibt es mal wieder ein Lichter-?Rezept. Vorgestellt wurde es in der vorletzten „Lafer! Lichter! Lecker!”-Sendung, und es klang recht lecker. Das schöne an seinen Rezepten ist, dass sie meistens recht bodenständig sind und ohne ellenlange Zutatenliste daherkommen. Und man muss auch keine Weltreise unternehmen, um die Zutaten zusammen zu bekommen. Kein Saharasand — äh, –salz -, keine Vanille aus Tahiti und keine sündhaft teuren Trüffel, nur um irgendeine ansonsten langweilige Suppe aufzuwerten. [...]

Kommentar hinzufügen

Der Inhalt dieses Feldes wird nicht öffentlich zugänglich angezeigt.
  • Internet- und E-Mail-Adressen werden automatisch umgewandelt.
  • Zeilen und Absätze werden automatisch erzeugt.
CAPTCHA
Diese Frage dient dazu festzustellen, ob Sie ein Mensch sind und um automatisierte SPAM-Beiträge zu verhindern.