Zeuge einer Verwandlung: Montes Alpha Cabernet Sauvignon 1997

Montes Alpha Cabernet Sauvignon 1997

Montes Alpha ist nicht irgendein Wein, sondern der erste exportierte Premiumwein Chiles und das Flaggschiff von Aurelio Montes, dem chilenischen Weinpionier und bekennenden Qualitätsfanatiker. Montes überlässt bei seinen Premium-Weinen nichts dem Zufall, beispielsweise lässt er die Trauben aus seinen Top-Lagen nur nachts lesen, in seiner Kellerei gibt es keine Pumpen, alles läuft per Schwerkraft. Sein Cabernet Sauvignon ist streng genommen eine Cuvée mit einem Achtel Merlot, was laut chilenischem Weingesetz erlaubt ist. Dem Wein schadet das nicht, es rückt ihn um so mehr in die Nähe der Bordeaux Grand Crus. Doch der Reihe nach.

Dieser Wein war ein Geschenk der Familie. Er hatte ein versprochenes Lagerpotenzial bis 2017. Leider wurde er in Ermangelung geeigneter Räumlichkeiten über mindestens 10 Jahre bei Temperaturen zwischen 18 und 20 Grad gelagert, im Sommer auch darüber. Deshalb hatte ich zunehmend Sorge, den Höhepunkt in der Entwicklung des Weins zu verpassen, und habe ihn am vergangenen Wochenende geöffnet. Eine weise Entscheidung, wie sich herausstellen sollte.

Wegen seines fortgeschrittenen Alters und den ungünstigen Lagerbedingungen habe ich mich nicht getraut, den Wein zu dekantieren. Man liest ja immer mal wieder von feingliedrigen, aber altersschwachen Wein-Methusalems, die auf ihrem letzten Meter beim Fließen in den Dekanter ihre Seele aushauchen. Ein bitterer Moment für jeden Connaisseur, den ich unbedingt vermeiden wollte.

Schon die Farbe dieses 97er Montes Alpha, ein tief dunkles und undurchdringliches Braunviolett, ließ schnell erkennen, dass man hier einen überaus reifen Wein vor sich hatte, der unter Umständen seine besten Jahre bereits hinter sich hatte.

Das Bouquet war anfangs sehr unaufdringlich. Es hatte relativ wenig Bemerkenswertes an sich, ich kann es nicht näher beschreiben. Auch der Geschmack war zunächst eher dünn, die Säure zurückhaltend, wohl weil weitgehend abgebaut. Das war schon etwas enttäuschend, aber nicht ganz unerwartet, denn ich war mir der schändlichen Behandlung dieses Weinjuwels ja durchaus bewusst.

Dann geschah etwas Unerwartetes: Nachdem die ersten zwei Gläser eher lustlos und etwas enttäuscht getrunken waren, durfte ich Zeuge der Verwandlung, genauer der Öffnung eines großen Weines werden. Unvermittelt breitete sich ein betörender Duft aus - unverkennbar Cabernet. Ich will hier gar nicht erst versuchen, meine olfaktorischen Eindrücke in Worte zu fassen. Was mich aber besonders faszinierte, war, dass das Bouquet noch aus einem Meter Entfernung vom Weinglas fast berauschend wirkte. Mit der Duftigkeit eines normalen Weines ist das nicht zu vergleichen, es war viel filigraner. Ohne Zweifel einer dieser Momente, für den es sich wahrhaftig lohnt, einen Wein zehn Jahre aufzuheben.

Auch der Geschmack des Montes Alpha veränderte sich dramatisch. Während er vorher im Mund einen eher unspektakulären Eindruck hinterließ, füllte er mit einem Male die Mundhöhle mit einem wunderbar pelzigen und komplexen Geschmacksteppich aus. Leider habe ich auf diesem Gebiet nur wenig Erfahrung, aber irgendwie ahnte ich in diesem Moment: So müssen große, reife Bordeaux-Weine schmecken. Jacques spricht auf seiner Website für den 2008er von Cassis-Beeren, Bitterschokolade und Zigarrenkistenaroma. Dazu sag ich mal: Warum nicht? Mir war es fast unmöglich, einzelne Aromen herauszuheben oder gar zu beschreiben, es war ein einziger Schmelz. Man muss so etwas einfach mal erlebt haben.

Leider war dieses grandiose Spektakel nicht von langer Dauer. So schnell, wie das Bouquet sich entfaltet hatte, fiel es wieder in sich zusammen. Auch der unglaublich komplexe Geschmack bekam immer mehr einen leicht marmeladigen Akzent, hinterlegt immerhin noch mit einem sanft kribbelnden Mundgefühl.

Ich erkläre es mir so, dass die Lagerung bei den unsachgemäß hohen Temperaturen den Wein vorzeitig altern ließ, glücklicherweise ohne ihn ganz zu zerstören. Den Wein zu diesem Zeitpunkt zu öffnen, eröffnete ihm seine wohl letzte Chance, seine Besitzer von seinen Qualitäten zu überzeugen, bevor der Luftsauerstoff sein zerstörerisches Werk vollenden konnte.

Auf jeden Fall hat dieses faszinierende Erlebnis bei mir die Lust geweckt, mir doch mal den einen oder anderen höherwertigen Wein mit Lagerpotenzial zu- und mindestens zehn Jahre zur Seite zu legen, diesmal dann aber unbedingt bei adäquaten Temperaturen. Ich besitze zwar leider keinen Weinkeller, aber glücklicherweise sind die Preise für temperierte Weinlagerschränke zuletzt auf ein durchaus bezahlbares Niveau gefallen. Das mag damit zu tun haben, dass auch die Chinesen zuletzt Gefallen an hochwertigen Rotweinen gefunden haben.

Voraussetzung ist natürlich ebenso ein vertrauenswürdiger Weinhändler oder Winzer, der verlässliche Angaben über die Lagerfähigkeit eines Weines machen kann. Auch Weine der Preisklasse 15-20 Euro sind heutzutage ja oft schon so ausgebaut, dass man sie direkt nach dem Kauf öffnen und genießen kann.

Eine Bezugsquelle für den Wein kann ich verständlicherweise nicht angeben, der Jahrgang 1997 dürfte im Handel kaum noch erhältlich sein. Jüngere Kreszenzen des großen chilenischen Meisterwinzers Aurelio Montes bekommt man dagegen bei zahlreichen Online-Shops. Derzeit ist gerade der Jahrgang 2008 zu Preisen zwischen 12,50 und 15 Euro im Verkauf. Das liegt zwar jenseits der mankannsessen-Schallgrenze, aber diese Geschichte wollte ich Euch einfach nicht vorenthalten. Dann heißt es also zugreifen, weglegen - bitte unbedingt an einen kühlen Ort - und lange, lange abwarten. Aber Vorfreude ist bekanntlich die schönste Freude.

Dazu passt ...

Wir genossen den Wein zu Thailändischem Rindfleischcurry mit Feigen, eine sehr feine Kombination.

Wow....

....schöne Beschreibung! Die Entfaltung des Weins hört sich fast magisch an....

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